Auch ich bin gerade komplett raus

Auch ich bin gerade komplett raus

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Health Personal

Die Wahrheit ist ziemlich simpel: Ich bin gerade komplett raus.

Seit vier Monaten war ich nicht mehr laufen. 2025 bin ich noch auf knapp 500 Laufkilometer gekommen. 2026 stehe ich bis jetzt bei 0. Ich ernähre mich schlecht. Ich habe zugenommen. Mein Whoop Age ist von 5 Jahren jünger auf 6 Monate älter hochgeschnellt. Und vieles von dem, was ich mir 2025 mit viel Schweiß, Disziplin und Konsequenz aufgebaut habe, fühlt sich gerade an, als hätte ich es wieder eingerissen. Nicht komplett vielleicht. Aber genug, dass es weh tut.

Wer meine Texte liest, verbindet mich vielleicht mit Routinen, Disziplin, Daten, Health-Tracking, Whoop, Apple Health, Laufen und Optimierung. Gerade ist davon erschreckend wenig übrig.

Ich wusste es und habe es trotzdem gemacht

Das Härteste daran ist nicht, dass ich nicht wüsste, was richtig wäre. Das weiß ich sehr genau. Das Härteste ist: Mein Kopf wusste bei vielen Entscheidungen sofort, dass sie falsch sind. Aber mein Geist, mein Wille, war in diesen Momenten oft nicht stark genug.

Ich habe nicht aus Unwissenheit daneben gegriffen. Ich habe es gewusst und trotzdem gemacht.

Das zeigt sich nicht nur bei Junkfood oder Süßigkeiten. Manchmal fängt es schon bei etwas so Einfachem an wie aufstehen und ins Bett gehen. Ja, selbst ins Bett zu gehen kann anstrengender sein, als einfach den Streaming-Dienst weiterlaufen zu lassen. Folge für Folge. Noch eine. Und noch eine. Bis man irgendwann auf die Uhr schaut und merkt, dass es schon wieder nach Mitternacht ist. Wieder Schlaf verschenkt. Wieder genau das getan, von dem man vorher schon wusste, dass es einem am nächsten Tag schaden wird.

Ich habe zu oft den gemütlichen, einfachen Weg genommen. Nicht weil ich dachte, es sei eine gute Entscheidung. Sondern obwohl ich wusste, dass sie mich weiter von dem wegbringt, was ich eigentlich will.

Statt die Schuhe anzuziehen, habe ich auf Play gedrückt.
Statt mir etwas Vernünftiges zu machen, habe ich zu Junkfood gegriffen.
Statt einmal Nein zu sagen, habe ich Süßigkeiten gegessen, obwohl ich genau wusste, dass ich es danach bereuen werde.

Und ja, irgendwo sah ich dabei jedes Mal schon den enttäuschten Blick von Bryan Johnson vor mir. Ein bisschen ironisch, ein bisschen übertrieben vielleicht. Aber im Kern eben wahr: Ich wusste, dass ich gerade gegen das arbeite, was ich eigentlich will.

Nur hat dieses Wissen in dem Moment nicht gereicht.

Mir hat die Motivation gefehlt. Vielleicht auch die Kraft. Vielleicht beides.

Manchmal schaue ich in den Spiegel und bin ehrlich enttäuscht von mir selbst. Nicht nur wegen ein paar Kilos mehr, sondern weil ich darin meine eigenen Entscheidungen sehe. Ich sehe jemanden, der es besser wusste und trotzdem immer wieder den einfachen Weg genommen hat. Es gibt Momente, in denen ich mich dafür selbst kaum leiden kann. Genau das macht es so schwer, sich selbst dabei zuzusehen.

Was fast schon absurd ist: Ohne mein Training als festen Teil meiner Routine ist es in den letzten Wochen schon öfter vorgekommen, dass ich mir bei irgendeiner banalen Bewegung etwas eingeklemmt habe. Und dann bewege ich mich plötzlich wie ein alter Mann durch die Wohnung, als hätte ich mich beim Atmen verletzt. Das zieht mich mental noch weiter runter. Aber immerhin habe ich dann eine wunderbare Ausrede parat: Ich muss mich ja schonen.

Wie man langsam abrutscht

Ich könnte jetzt anfangen, Ausreden zu sammeln. Viel Arbeit. Zu wenig Schlaf. Stress. Alltag. Fehlender Rhythmus. Und ein Teil davon stimmt sicher auch. Aber wenn ich ehrlich bin, wäre das trotzdem nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Ich habe mich gehen lassen. Nicht dramatisch, nicht über Nacht, nicht mit einem großen Knall. Sondern schleichend. Ein paar schlechte Entscheidungen hier, ein paar bequeme dort, und irgendwann merkt man, dass man sich von den eigenen Standards ziemlich weit entfernt hat.

Genau das ist passiert.

Und jetzt sitze ich hier und sehe auf die Daten, auf mein Gewicht, auf meine Fitness, auf mein Whoop Age und denke mir: Stark. Alles, was du dir 2025 mühsam erarbeitet hast, hast du in erstaunlich kurzer Zeit wieder beschädigt.

Das tut weh, weil Fortschritt nie gratis ist. Er kostet Zeit, Energie, Verzicht, Wiederholung, Nerven. Und Rückschritt? Der kommt oft viel leichter. Ein bisschen Bequemlichkeit hier, ein bisschen Selbstbetrug da, und plötzlich steht man wieder deutlich weiter hinten, als man dachte.

Ich bin damit nicht allein

Gleichzeitig weiß ich auch: So vielen da draußen geht es ähnlich. Und vielleicht trifft mich das auch deshalb so sehr, weil ich mich in anderen oft selbst wiedererkenne.

Wenn ich um 17 Uhr mit vielen anderen Menschen in die Dubai Metro gedrückt werde, sehe ich in unzähligen Gesichtern eigentlich immer dasselbe: Müdigkeit. Erschöpfung. Leere. Menschen, die einfach nur noch nach Hause wollen. Und ich denke mir oft, dass vielen von ihnen am Abend vermutlich genau wie mir die Kraft fehlt, noch Sport zu machen, laufen zu gehen oder Gewichte zu heben. Nicht, weil sie faul sind. Sondern weil sie leer sind.

Das verstehe ich. Dafür habe ich Mitgefühl.

Aber macht es das besser?

Leider auch nicht.

Es macht mein Whoop Age nicht niedriger. Es macht die Zahl auf der Waage nicht kleiner. Es bringt mir die letzten vier Monate nicht zurück. Und es macht auch die verpassten Läufe, das Junkfood, die Süßigkeiten und die verschwendeten Abende nicht ungeschehen.

Was will ich also mit diesem Post sagen?

Wenn ich ehrlich bin: Ich weiß es gar nicht so genau.

Vielleicht ist es kein Post mit einer sauberen Pointe. Kein Post mit fünf klaren Tipps. Kein Post mit einer perfekten Erkenntnis am Ende. Vielleicht ist es einfach nur ein ehrlicher Moment. Einer, in dem ich nicht so tue, als hätte ich alles im Griff.

Denn habe ich gerade nicht.

Vielleicht ist die eigentliche Botschaft nur diese: Wenn ihr gerade auch komplett raus seid, seid ihr nicht allein. Wenn ihr euch selbst enttäuscht habt, wenn ihr euren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden seid, wenn ihr genau wisst, was ihr ändern müsst, aber trotzdem festhängt, dann seid ihr damit nicht die Einzigen.

Mir geht es auch so.

Aber ich will auch nicht, dass dieser Zustand jetzt die neue Normalität wird. Ich will nicht akzeptieren, dass aus ein paar schlechten Monaten plötzlich ein ganzes verlorenes Jahr wird. Ich will nicht so tun, als wäre das eben einfach so. Ist es nicht. Es ist ein Rückschritt. Einer, den ich mir eingestehen muss.

Und genau deshalb schreibe ich das hier vielleicht überhaupt.

Nicht weil ich schon wieder da bin, wo ich sein will. Sondern weil ich es nicht bin. Und weil ich mir selbst schwarz auf weiß festhalten will, dass ich das sehe. Dass ich es verstanden habe. Dass ich mich nicht weiter anlügen will.

Ich komme wieder

Ich komme wieder.

Nicht perfekt. Nicht von heute auf morgen. Und wahrscheinlich auch nicht, weil plötzlich irgendeine Wunder-Motivation vom Himmel fällt. Sondern weil Rückkehr am Ende mit etwas viel Kleinerem beginnt: den Stream ausmachen. Früher ins Bett gehen. Die Schuhe wieder anziehen. Das Junkfood auch mal liegen lassen. Nicht alles auf einmal. Aber irgendetwas. Und dann das Nächste.

So komme ich wieder. Schritt für Schritt. Lauf für Lauf. Bessere Entscheidung für bessere Entscheidung.

Beste Grüsse,
Joe

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