
Greedflation: Wenn steigende Kosten zur Ausrede werden
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Inflation kennen wir alle, spätestens seit der Einkauf im Supermarkt spürbar teurer geworden ist. Wenn Energie, Rohstoffe, Löhne, Mieten und Transporte mehr kosten, steigen irgendwann auch die Preise der fertigen Produkte. Das ist unangenehm, aber grundsätzlich nachvollziehbar.
Schwieriger wird es, wenn ein Unternehmen höhere Kosten als Begründung verwendet, den Preis aber stärker anhebt als nötig oder eine Preiserhöhung beibehält, obwohl sich die ursprüngliche Belastung längst normalisiert hat. Genau für diesen Verdacht hat sich ein Begriff etabliert: Greedflation.
Im Techsektor ist das besonders schwer zu beurteilen. Eine Firewall besteht aus realer Hardware, deren Speicher und Komponenten tatsächlich teurer werden können. Die Lizenz darauf ist aber Software. Ein Cloud-Abo hat Infrastrukturkosten, doch der hunderttausendste Nutzer verursacht nicht dieselben Kosten wie der erste. Gleichzeitig sind Preise, Rabatte und Margen für Kunden kaum einsehbar.
Und dann ist da Sophos. Ab dem 1. Juli 2026 gilt für die betroffenen XGS-Produkte eine Preiserhöhung von 10 Prozent. Sophos verteilt sie auf die Hardware und die damit verbundenen Subscriptions. Die neuen Preise werden weltweit für Term- und MSP-Käufe gelten, also auch dann, wenn ein Bestandskunde nach dem Stichtag eine betroffene Laufzeit neu kauft. Ein bereits laufender Vertrag wird dadurch nicht rückwirkend teurer. Begründet wird die Anpassung mit gestiegenen Hardwarekosten. Gut ein Jahr zuvor strich Sophos nach der Secureworks-Übernahme rund 6 Prozent der gemeinsamen Stellen.
Das klingt zunächst ziemlich genau nach Greedflation. Bei genauerem Hinsehen wird das Urteil allerdings komplizierter.
Greedflation beginnt dort, wo eine plausible Kostenbegründung nicht mehr erklärt, weshalb auch der margenstarke Rest dauerhaft teurer werden muss.
Eine Inflation, viele Verkleidungen
Die klassische Inflation beschreibt einen breiten Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Ein einzelnes teureres Abo ist noch keine Inflation, sondern zunächst nur eine Preiserhöhung. Im Alltag werden inzwischen trotzdem viele Begriffe mit der Endung „-flation“ verwendet, weil Unternehmen den höheren Preis nicht immer offen auf das Preisschild schreiben.
Shrinkflation bedeutet in einem Satz: Die Packung bleibt scheinbar gleich, enthält aber weniger, während der Preis gleich bleibt oder sogar steigt.
Bei Skimpflation bleibt die Menge erhalten, dafür sinkt die Qualität. Ein Hotel reduziert die Reinigung, eine Hotline wird schlechter erreichbar oder ein Softwareanbieter verschiebt brauchbaren Support in eine teurere Stufe. Subscriptionflation ist kein sauberer volkswirtschaftlicher Fachbegriff, beschreibt aber ein bekanntes Techproblem: Immer mehr Produkte werden zu Abos, und kleine jährliche Erhöhungen summieren sich zu einer dauerhaft höheren Grundlast.
Dazu kommen Begriffe wie Climateflation für Preissteigerungen durch Ernteausfälle und Extremwetter oder Greenflation für höhere Kosten während des Umbaus zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft. Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Ursachen. Greedflation beschreibt dagegen keine neue Inflationsart, sondern eine These über das Verhalten von Unternehmen.
Was Greedflation eigentlich meint
Die einfache Erzählung lautet: Ein Unternehmen sieht, dass Kunden wegen Energiekrise, Lieferproblemen oder allgemeiner Inflation ohnehin mit höheren Preisen rechnen. Es hebt den eigenen Preis nicht nur um die tatsächlichen Mehrkosten an, sondern nutzt die Situation, um Marge und Gewinn auszuweiten. Die Kosten liefern die Geschichte, die Marktmacht liefert den Spielraum.
Ganz erfunden ist diese Debatte nicht. Eine Analyse des Internationalen Währungsfonds kam für den Euroraum zwischen dem ersten Quartal 2022 und dem ersten Quartal 2023 zum Ergebnis, dass inländische Gewinne rund 45 Prozent zum Anstieg des Konsumdeflators beitrugen. Importkosten machten ungefähr 40 Prozent aus. Unternehmen gaben den damaligen Kostenschock also nicht nur weiter, sondern schützten ihre Gewinne stärker als die Einkommen der Beschäftigten.
Die gleiche Untersuchung enthält aber die wichtige Einschränkung: Die verfügbaren Daten zeigten keinen flächendeckenden Anstieg der Preisaufschläge. Ein hoher Gewinnbeitrag zur Inflation beweist deshalb nicht automatisch, dass jedes Unternehmen gierig handelte. Mengen, Branchenmix, Nachholeffekte und aussergewöhnliche Nachfrage können Gewinne ebenfalls verschieben.
Greedflation ist damit ein nützlicher Verdacht, aber ein schlechtes Schnellurteil. Um ihn für ein einzelnes Unternehmen zu belegen, bräuchten wir mindestens die Entwicklung der Stückkosten, Margen, Preise und Absatzmengen. Genau diese Daten fehlen bei privaten Herstellern meistens.
Warum der Techsektor so anfällig dafür wirkt
Techunternehmen verkaufen selten nur ein Produkt. Sie verkaufen ein Ökosystem, einen Dateistandard, eine Managementplattform, gespeicherte Daten und die Gewohnheit der Nutzer gleich mit. Wer wechseln will, bezahlt nicht nur die neue Lizenz. Er muss migrieren, schulen, testen, dokumentieren und Risiken übernehmen. Diese Wechselkosten geben dem Anbieter Preismacht.
Sophos ist mit regelmässigen Preisanpassungen deshalb kein Einzelfall:
- Microsoft integrierte Copilot in Microsoft 365 Personal und Family und erhöhte den Preis in den USA um 3 US-Dollar pro Monat. Wer die KI nicht wollte, musste aktiv in einen zeitweise angebotenen Classic-Plan wechseln.
- Google nahm Gemini in Workspace Business und Enterprise auf. Business Standard stieg beispielsweise von 12 auf 14 US-Dollar pro Nutzer und Monat.
- Adobe machte aus Creative Cloud All Apps den teureren Creative-Cloud-Pro-Plan mit generativer KI. Für Kunden, die diese Funktionen nicht brauchen, gibt es eine günstigere Standard-Stufe mit Einschränkungen bei KI sowie Web- und Mobilzugriff.
- Spotify beschreibt Preiserhöhungen inzwischen offen als Teil seiner Wachstumsstrategie. Beim Investor Day 2026 verwies das Unternehmen auf zusätzliche Funktionen, höhere Preise und nur geringe Kündigungsreaktionen. Das individuelle US-Premium-Abo lag zu diesem Zeitpunkt bei 12,99 US-Dollar.
- VMware unter Broadcom stellte das Portfolio vollständig auf Subscriptions und Laufzeitlizenzen um. Viele zuvor einzeln erhältliche Produkte gibt es nur noch innerhalb von VMware Cloud Foundation oder VMware vSphere Foundation. Das vereinfacht zwar das Angebot, kann Kunden aber in ein grösseres Paket zwingen, als sie technisch benötigen.
Diese Hersteller liefern für den höheren Preis teilweise einen echten Gegenwert. Trotzdem entsteht ein merkwürdiges Modell: Eine Funktion wird in ein bestehendes Abo eingebaut oder mehrere Produkte werden zu einem grösseren Bundle zusammengefasst. Danach bezahlen auch Nutzer mehr, die den neuen Bestandteil gar nicht wollten. Der Anbieter kann auf den zusätzlichen Mehrwert zeigen, während der Kunde aktiv nach einer günstigeren Stufe suchen, auf Funktionen verzichten oder eine aufwendige Migration beginnen muss.
Das ist nicht automatisch Greedflation. Entwicklung, Rechenzentren, GPUs, Strom und Fachkräfte kosten real Geld. Es zeigt aber, wie bequem sich im Techsektor Kostensteigerung, Produktumbau und Upselling miteinander vermischen lassen. Für Aussenstehende ist kaum noch erkennbar, welcher Anteil einen echten Mehraufwand deckt und welcher Anteil einfach möglich ist, weil ein Wechsel zu mühsam wäre.
Der Sophos-Fall 2026
Ab dem 1. Juli 2026 wird Sophos weltweit 10 Prozent mehr für XGS-Appliances, Zubehör und Bundles aus XGS-Hardware und Subscriptions verlangen. Der Aufschlag wird auf Hardware und zugehörige Subscriptions verteilt. Virtuelle Firewalls und reine Software-Subscriptions sind nicht betroffen. Die neuen Preise werden in den Term- und MSP-Preislisten 2026-3.0 und 2026-4.0 stehen.
Laufende Verträge werden nicht rückwirkend verteuert. Bei einem neuen Kauf oder Renewal nach dem Stichtag greifen jedoch die neuen Preislisten. Auch ein älteres Quote wird neu berechnet, sobald es aktualisiert, verändert oder auf „Primary“ gesetzt wird.
Sophos begründet die Erhöhung mit steigenden Kosten für DRAM und NAND-Flash. Die KI-Nachfrage verschiebe Produktionskapazität zu margenstärkerem HBM, während Komponenten und globale Logistik teurer würden. Trotz höherer Lagerbestände könne Sophos diese Kosten nicht mehr vollständig auffangen. Weitere Anpassungen werden nicht ausgeschlossen. Die vollständige Original-Mail liegt mir vor. Die Hardwarebegründung ist plausibel, erklärt aber noch nicht, weshalb auch die zugehörige Software teurer werden muss.
Warum die Lizenz trotzdem stört
Wenn die Appliance mehr RAM und Flash enthält und diese Komponenten teurer werden, ist ein höherer Hardwarepreis logisch. Weniger logisch ist, weshalb eine mit der Hardware verbundene Firewall-Subscription beim nächsten betroffenen Kauf ebenfalls am Aufschlag beteiligt wird. Sophos verteilt die Erhöhung auf Hardware und zugehörige Lizenz, um das bisherige Preisverhältnis im Bundle zu erhalten.
Genau hier kippt eine technische Begründung in eine kaufmännische Entscheidung. Das Preisverhältnis zwischen Metall, Speicher und Software ist kein Naturgesetz. Es wurde von Sophos festgelegt und könnte auch verändert werden. Höhere Speicherkosten erklären den Preis der Appliance. Sie erklären nicht automatisch höhere Kosten für IPS-Signaturen, Web Protection, Support oder die Berechtigung, bereits vorhandene Hardware weiter mit Schutzfunktionen zu betreiben.
Für Neukunden lässt sich noch argumentieren, dass Sophos ein Gesamtpaket kalkuliert. Bei einer neuen Laufzeit für eine bestehende Installation steht die Appliance dagegen längst im Rack und wurde bereits bezahlt. Wenn die daran gekoppelte Subscription über die neue Preisliste trotzdem teurer wird, finanziert der Bestandskunde keine neue Speicherbestückung. Er bezahlt dafür, dass Sophos das Verhältnis im eigenen Preismodell nicht verändern möchte.
Das riecht nach Greedflation, auch wenn es sie noch nicht beweist.
Und was ist mit den Entlassungen?
Im Februar 2025, kurz nach dem Abschluss der Secureworks-Übernahme für 859 Millionen US-Dollar, bestätigte Sophos den Abbau von rund 6 Prozent der gemeinsamen Belegschaft. Betroffen waren unter anderem Rollen in Softwareentwicklung, Threat Research, Programmmanagement und Marketing. Sophos begründete den Schritt mit doppelten Funktionen nach der Übernahme und Stellen, die nach dem Rückzug von Secureworks von der Börse nicht mehr benötigt würden.
Diese Chronologie muss sauber bleiben. Die bestätigte Entlassungsrunde fand nicht gleichzeitig mit der Preiserhöhung vom Juli 2026 statt, sondern rund anderthalb Jahre früher. Sie entstand zudem direkt nach einer Übernahme, bei der doppelte Rollen realistisch sind. Wer daraus behauptet, Sophos habe Mitarbeitende entlassen, um 2026 höhere Firewallmargen zu erzielen, erfindet einen Zusammenhang, den die verfügbaren Quellen nicht belegen.
Trotzdem prägt beides dasselbe Kundenbild. Sophos gehört dem Private-Equity-Unternehmen Thoma Bravo, kaufte Secureworks, strich kurz darauf Stellen und spricht 2026 öffentlich von mehr Effizienz durch unternehmensweite KI-Nutzung. Gleichzeitig steigen die Preise für XGS-Hardware und die gekoppelten Subscriptions. Aus Unternehmenssicht sind das getrennte Entscheidungen. Aus Sicht eines Bestandskunden lautet die Botschaft einfacher: weniger Menschen, mehr Effizienz, höhere Rechnung.
Die Entlassungen beweisen also keine Greedflation. Sie machen es Sophos aber schwerer, eine Preiserhöhung auf Softwareanteile allein mit teurerer Hardware überzeugend zu erklären.
Warum Kunden zu OPNsense und UniFi wechseln
Ich sehe inzwischen immer mehr Kunden, die genau wegen dieser Entwicklung Alternativen prüfen. Nach drei oder vier Jahren liegt die nächste Lizenzrunde in meinen Angeboten und Kundengesprächen häufig mindestens 7 Prozent höher, teilweise deutlich mehr. Das ist keine allgemeine Marktstatistik, sondern meine praktische Beobachtung aus wiederkehrenden Firewall-Projekten.
Ein Teil dieser Kunden wechselt zu OPNsense. Die Plattform ist Open Source und kann ohne klassische Firewall-Subscription betrieben werden. Professioneller Support, die Business Edition und zusätzliche kommerzielle Regelwerke können weiterhin Geld kosten, aber der Grundbetrieb hängt nicht an einer jährlich zu erneuernden Schutzlizenz.
Andere Kunden gehen zu UniFi. Ubiquiti wirbt inzwischen ausdrücklich mit „No licenses. No subscriptions.“ Für viele kleinere und mittlere Umgebungen ist genau diese Kalkulierbarkeit attraktiver als die nächste Renewal-Runde eines klassischen Security-Herstellers.
Beide Wege haben Grenzen. Eine UniFi Cloud Gateway ersetzt nicht automatisch jede Sophos-Funktion, und auch OPNsense bringt ohne passende Zusatzdienste, Know-how und Betriebsprozesse nicht denselben Schutzumfang oder Herstellersupport mit. Trotzdem verschiebt sich die Entscheidung. Kunden vergleichen nicht mehr nur IPS-Durchsatz und Featurelisten. Sie fragen zunehmend, ob der zusätzliche Schutz die dauerhaft steigenden Lizenzkosten noch rechtfertigt.
Mein Fazit
Greedflation ist kein Zauberwort, mit dem jede unbeliebte Preiserhöhung automatisch unmoralisch wird. Unternehmen dürfen Gewinne machen. Sie dürfen gestiegene Kosten weitergeben und neue Funktionen bepreisen. Ohne Gewinn gibt es weder Produktentwicklung noch verlässlichen Support.
Sophos ist dabei weder der einzige noch automatisch der schlimmste Anbieter. Microsoft, Google, Adobe, Spotify und VMware zeigen denselben Grundtrend in unterschiedlichen Varianten: mehr Bundles, mehr Subscriptions und regelmässige Aufschläge, die mit zusätzlichen Funktionen oder höheren Betriebskosten begründet werden.
Bei Sophos ist die Preiserhöhung der XGS-Hardware 2026 grundsätzlich nachvollziehbar. Die Speicherpreise sind real gestiegen, und reine Softwareprodukte bleiben von dieser Runde verschont. Das spricht gegen die einfache Behauptung, Sophos habe nur irgendeine Krise als Vorwand gewählt.
Der Aufschlag auf die gekoppelten Firewall-Subscriptions, besonders bei neuen Laufzeiten für bestehende Installationen, bleibt für mich trotzdem schwer zu akzeptieren. Eine bereits installierte Appliance bekommt durch teureren NAND-Speicher keine nachträglichen Herstellungskosten. Wenn ihre Lizenz über die aktualisierte Preisliste dennoch am Aufschlag beteiligt wird, ist das keine technische Notwendigkeit, sondern eine Entscheidung über Marge und Preisstruktur.
Zusammen mit den früheren Entlassungen und dem heutigen Effizienzversprechen klingt das nach Greedflation. Beweisen lässt es sich mit den öffentlichen Zahlen nicht. Aber Sophos trägt die Verantwortung, den Verdacht mit Transparenz auszuräumen. Kunden sollten nicht erklären müssen, warum sie eine Erhöhung hinterfragen. Der Hersteller sollte erklären, weshalb 10 Prozent auf Hardware und Software wirklich dieselbe Antwort sein sollen.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Joe
Quellen
- IWF: Importpreise, Gewinne und Löhne als Treiber der Euro-Inflation
- Microsoft: Copilot, Classic-Pläne und höhere Microsoft-365-Preise
- Google: Gemini wird in Workspace integriert und die Preise werden angepasst
- Adobe: Creative Cloud Pro, neue KI-Funktionen und neue Preise
- Spotify: Höhere Preise als Wachstumshebel bei geringer Kündigungsquote
- VMware by Broadcom: Ende dauerhafter Lizenzen und Umstellung auf Subscriptions
- Sophos: Bestätigung der XGS-Preiserhöhung zum 1. Juli 2026
- CRN: Sophos bestätigt den Abbau von rund 6 Prozent der Stellen
- Sophos: Organisationsumbau und unternehmensweite KI-Effizienz 2026
- OPNsense: Open-Source-Plattform und Funktionsübersicht
- Ubiquiti: UniFi ohne Lizenzen und Subscriptions


