
Ist Gen Z wirklich die dümmste Generation?
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Bevor du jetzt eine KI fragen musst, ob du mit diesem Titel überhaupt gemeint bist, hier die kurze Antwort. Die Grenzen zwischen Generationen sind keine Naturgesetze und unterscheiden sich je nach Quelle etwas. Für diesen Artikel verwende ich die heute verbreitete Einteilung, nach der Gen Z ungefähr von 1997 bis 2012 geboren wurde.
| Generation | Ungefähre Geburtsjahre | Alter im Jahr 2026 |
|---|---|---|
| Silent Generation | 1928 bis 1945 | 81 bis 98 Jahre |
| Babyboomer | 1946 bis 1964 | 62 bis 80 Jahre |
| Generation X | 1965 bis 1980 | 46 bis 61 Jahre |
| Millennials, Generation Y | 1981 bis 1996 | 30 bis 45 Jahre |
| Generation Z | 1997 bis 2012 | 14 bis 29 Jahre |
| Generation Alpha | ab etwa 2013 | bis ungefähr 13 Jahre |
Wenn du 1997 bis 2012 geboren wurdest, geht es also tatsächlich um deine Generation. Wenn nicht, kannst du dich trotzdem nicht entspannt zurücklehnen. Das Problem, um das es hier geht, endet nicht an einem Geburtsjahr.
Die provokante Aussage, Gen Z sei die dümmste Generation der modernen Geschichte, trifft für mich einen wahren Kern. Trotzdem ist „dumm“ kein sauberer wissenschaftlicher Messwert. Es ist eine zugespitzte Überschrift für etwas, das sich differenzierter und zugleich beunruhigender beschreiben lässt: Bei wichtigen schulischen und kognitiven Leistungen geht es nach unten, während digitale Systeme uns immer mehr Gelegenheiten geben, anstrengendes Denken zu vermeiden.
Vielleicht ist Gen Z nicht von Natur aus dümmer. Sie ist nur die erste Generation, der rund um die Uhr angeboten wird, das Denken abzugeben.
Woher die Behauptung kommt
Im Januar 2026 sagte der Neurowissenschaftler und frühere Lehrer Jared Cooney Horvath vor einem Ausschuss des US-Senats, Gen Z sei die erste Generation der modernen Geschichte, die ihre Vorgänger bei praktisch allen verfügbaren kognitiven Messgrössen unterbiete. Er nannte Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lesen, Mathematik, exekutive Funktionen und sogar den allgemeinen IQ.
Das ist eine starke Aussage. Sie wurde in sozialen Netzwerken und Medien schnell zur Behauptung verkürzt, Gen Z sei nun offiziell als dümmste Generation bestätigt worden. So einfach ist es nicht. Horvath gab eine Experteneinschätzung in einer politischen Anhörung ab. Es gibt keine einzelne Studie und keine wissenschaftliche Behörde, die einer ganzen Generation offiziell dieses Etikett verliehen hätte.
Auch die Ursache ist nicht abschliessend bewiesen. Horvath sieht den grossen Bruch um 2010 und macht vor allem die starke Verbreitung digitaler Geräte im Unterricht verantwortlich. Andere Erklärungen gehören ebenfalls in die Diskussion: Schulschliessungen während der Pandemie, soziale Ungleichheit, veränderte Lehrpläne, Noteninflation, testfreie Zulassungsverfahren, psychische Belastungen und natürlich die Art, wie Smartphones unsere Aufmerksamkeit beanspruchen.
Die Zuspitzung ist also angreifbar. Die darunterliegenden Warnsignale sind es deutlich weniger.
Die Zahlen werden unangenehm
Die US-Leistungsstudie NAEP zeigt für Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse einen klaren Rückgang. 2024 lagen 45 Prozent im Fach Mathematik unter dem Niveau „NAEP Basic“. 2019 waren es 40 Prozent. Beim Lesen lagen 32 Prozent unter „Basic“, verglichen mit 30 Prozent im Jahr 2019 und 20 Prozent im Jahr 1992. Diese Kategorien sind nicht identisch mit den normalen Klassenstufen und werden von NAEP ausdrücklich mit Vorsicht verwendet. Der Trend bleibt dennoch schlecht, besonders bei den schwächeren Schülerinnen und Schülern.
Noch greifbarer wird das Problem an der University of California San Diego. Ein Bericht der Universität beschreibt, dass 2020 rund 30 neu eintretende Studierende Mathematikkenntnisse unter dem Highschool-Niveau hatten. Fünf Jahre später waren es mehr als 900, beinahe dreissigmal so viele. Rund 70 Prozent dieser Gruppe lagen sogar unter dem Niveau der Middle School. Viele scheiterten an Brüchen und einfacher Algebra.
Der ursprüngliche Bericht war zeitweise mit der Aussage zusammengefasst worden, jeder achte Studienanfänger liege unter dem Mittelschulniveau. Genau diese Formulierung wurde später korrigiert. Die tatsächlichen Zahlen sind schlimm genug. Man muss sie nicht noch schlechter machen.
Besonders interessant ist ein anderes Detail: Mehr als ein Viertel der Studierenden, die 2024 in den tiefsten Mathematikkurs der Universität eingeteilt wurden, hatte zuvor in Highschool-Mathematik einen Notendurchschnitt von 4.0 erreicht. Bestnoten und tatsächliche Vorbereitung passten nicht mehr zusammen. Wer jahrelang gute Noten erhält, obwohl Grundlagen fehlen, hält sich verständlicherweise für kompetenter, als er oder sie bei einer unabhängigen Prüfung tatsächlich ist.
Beim Lesen sieht es nicht besser aus. Eine YouGov-Umfrage mit 2'203 erwachsenen US-Bürgern ergab, dass 40 Prozent im Jahr 2025 kein einziges Buch beendet hatten. Der Median lag bei zwei Büchern. Die 18- bis 29-Jährigen kamen im Durchschnitt auf 5,8 Bücher. Audiobücher wurden dabei mitgezählt. Das beweist nicht, dass junge Menschen nichts lesen, schliesslich bestehen Internet und Messenger ebenfalls aus Text. Ein Buch verlangt jedoch etwas, das ein Feed kaum verlangt: über längere Zeit bei einem Gedankengang zu bleiben.
Der Feed stellt keine Rückfragen
Der endlose Feed war lange vor ChatGPT da. TikTok, Instagram, YouTube Shorts und ähnliche Formate wurden nicht gebaut, damit wir nach zwanzig Minuten zufrieden aufhören. Sie sollen die nächste Bewegung des Daumens auslösen.
Das verändert nicht automatisch den IQ. Es trainiert aber eine bestimmte Art des Umgangs mit Information. Der Algorithmus wählt das nächste Thema, liefert den Reiz und ersetzt ihn wenige Sekunden später. Ich muss keine Frage formulieren, keine Quelle auswählen, keinen Einwand entwickeln und nicht einmal entscheiden, was ich als Nächstes wissen möchte. Ich empfange nur.
Eine von Sprout Social beauftragte Umfrage unter mehr als 2'200 Social-Media-Nutzern in den USA, Grossbritannien und Australien fand 2025, dass 41 Prozent der Gen Z bei der Informationssuche zuerst soziale Plattformen aufrufen. Traditionelle Suchmaschinen kamen auf 32 Prozent, KI-Chatbots auf 11 Prozent. Das ist eine Marketingstudie und keine neutrale Bildungsforschung. Sie passt aber zu einem Verhalten, das im Alltag leicht zu beobachten ist: Recherche wird immer häufiger mit dem Konsum eines kurzen Videos verwechselt.
Ein kurzes Video kann ausgezeichnet sein. Es kann Interesse wecken, einen komplizierten Sachverhalt sichtbar machen und den Einstieg in ein Thema erleichtern. Problematisch wird es, wenn es gleichzeitig Anfang und Ende der Recherche ist. Wer nie die Primärquelle öffnet, merkt auch nicht, wenn aus „45 Prozent unter NAEP Basic in Mathematik“ plötzlich „fast die Hälfte kann nicht lesen“ wird.
Schädigt dieser Konsum tatsächlich das Gehirn?
Das Wort „Hirnschädigung“ ist verführerisch, aber wissenschaftlich zu grob. Es gibt bisher keinen sauberen Beweis, dass Social Media oder Short-Form-Videos das Gehirn eines gesunden Menschen dauerhaft körperlich beschädigen oder automatisch seinen IQ senken. Es gibt jedoch wachsende Hinweise darauf, dass übermässiger und stark fragmentierter Konsum Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Selbstkontrolle und die Verarbeitung längerer Zusammenhänge beeinträchtigen kann.
Ein Experiment der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuchte 60 Personen, die sich während einer Gedächtnisaufgabe mit TikTok, Twitter, YouTube oder gar keinem Medium beschäftigten. Nur in der TikTok-Gruppe verschlechterte sich die Fähigkeit deutlich, eine zuvor gefasste Absicht nach der Unterbrechung wieder aufzunehmen und auszuführen. Die Forschenden führen das nicht einfach auf „Social Media“ zurück, sondern auf die Kombination aus kurzen Videos und schnellem Kontextwechsel.
Eine 2026 in npj Science of Learning veröffentlichte Studie ging einen Schritt weiter. 57 junge Erwachsene sahen entweder ein zusammenhängendes zehnminütiges Video oder sieben kurze, inhaltlich vergleichbare Segmente. Die Kurzvideo-Gruppe erinnerte sich anschliessend deutlich schlechter. Bei den fMRI-Messungen zeigten sich zudem geringere Aktivierung und schwächere funktionale Verbindungen in Netzwerken, die an Informationsintegration, kognitiver Kontrolle und Gedächtnisabruf beteiligt sind.
Das ist ein gemessener Unterschied in der Gehirnaktivität während einer konkreten Aufgabe. Es ist noch immer kein Beweis für eine dauerhafte Schädigung. Auch diese Studie war klein, untersuchte nur junge Erwachsene und kann nicht zeigen, was nach Monaten oder Jahren passiert. Eine Metaanalyse zu problematischer Bildschirmnutzung fand zwar über 34 ausgewertete Studien hinweg kleine bis mittlere Defizite, besonders bei Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen. Sämtliche eingeschlossenen Untersuchungen waren jedoch Querschnittsstudien. Damit bleibt die entscheidende Frage offen: Verursacht exzessiver Medienkonsum die Probleme, oder greifen Menschen mit bereits vorhandenen Aufmerksamkeitsproblemen häufiger zu diesen Medien? Wahrscheinlich wirken beide Richtungen zusammen.
Ich möchte deshalb nicht Social Media als Ganzes schlechtreden. Ein Gruppenchat, ein Fachforum, ein langes Erklärvideo und eine Stunde im endlosen Feed sind nicht dieselbe Tätigkeit. Entscheidend ist, ob ich aktiv kommuniziere und etwas verarbeite oder ob ein Algorithmus im Sekundentakt meine Aufmerksamkeit übernimmt.
In einem kurzen Video wird Elon Musk gefragt, welche Innovation uns schlechter statt besser gemacht habe. Seine Antwort lautet: Short-Form-Videos. Musks Aussage ist eine persönliche Einschätzung und keine Studie. Sie passt aber auffällig gut zu dem Muster, das die Forschung langsam sichtbar macht. Besonders ironisch ist, dass uns genau diese Warnung wiederum als Short-Form-Video erreicht.
Vor allem amerikanische Daten, keine Weltrangliste
An dieser Stelle braucht der Artikel eine geografische Grenze. Die Zahlen zu NAEP, UC San Diego, Bücherkonsum, Hochschulabsolventen und Vermögen beschreiben vor allem die USA. Der Fall der Online-Aufnahmeprüfung stammt aus Mexiko. Daraus lässt sich weder eine globale Rangliste der Generationen noch die Behauptung ableiten, jeder junge Mensch auf der Welt entwickle sich gleich.
China ist dabei kein Land ohne Social Media. Viele westliche Plattformen sind blockiert, dafür sind heimische Dienste wie Douyin und Kuaishou riesig. Nach Angaben des China Internet Network Information Center gab es 2024 rund 1,04 Milliarden Kurzvideo-Nutzer, mit einer durchschnittlichen täglichen Nutzungsdauer von 156 Minuten. China hat für Minderjährige zugleich deutlich stärkere Jugendmodi, Zeitvorgaben und Inhaltskontrollen eingeführt. Das macht das Land nicht zu einer medienfreien Kontrollgruppe. Es zeigt vielmehr, dass dieselbe Technologie unter anderen Plattformen und Regeln genutzt wird.
Interessanterweise fehlt es für China nicht grundsätzlich an Studien. Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse zu Kurzvideos und psychischer Gesundheit fand 55 ihrer 58 eingeschlossenen Untersuchungen in China. Das schafft allerdings das umgekehrte Problem: Ergebnisse aus chinesischen Stichproben lassen sich ebenso wenig automatisch auf die USA, Europa oder Afrika übertragen.
Afrika ist in dieser Forschung tatsächlich stark unterrepräsentiert. Eine Übersichtsarbeit zu Social Media und Depression bei Jugendlichen fand unter 34 untersuchten Publikationen keine einzige afrikanische Stichprobe. Europa war vertreten, ist aber mit seinen unterschiedlichen Schulsystemen, Sprachen, sozialen Sicherungen und Regeln zur Smartphone-Nutzung ebenfalls kein einheitlicher Vergleichsraum. Die ehrliche Aussage lautet daher nicht, Amerika sei bewiesen dümmer oder China automatisch klüger. Wir sehen vor allem dort deutlich, wo gemessen wird, und wir messen längst nicht überall dasselbe.
Als Satire gedacht, heute fast eine Dokumentation
Bei all dem muss ich immer wieder an Idiocracy denken. Mike Judges Film erschien 2006. Darin wacht ein völlig durchschnittlicher Amerikaner nach 500 Jahren in einer Gesellschaft auf, in der Konsum, Werbung, Unterhaltung und Bequemlichkeit nahezu jede Form von Kompetenz und vernünftiger Entscheidung verdrängt haben.
Ich habe den Film in den vergangenen 20 Jahren sicher dreimal gesehen. Jedes Mal wirkte er etwas weniger wie eine übertriebene Komödie und etwas mehr wie eine ziemlich unangenehme Vorhersage. Natürlich ist Idiocracy keine Dokumentation. Die biologische Erklärung, mit der der Film seine verdummte Zukunft einleitet, ist stark vereinfacht und entspricht auch nicht meiner These. Beängstigend treffend ist etwas anderes: Eine Gesellschaft muss ihre Intelligenz nicht plötzlich verlieren. Es reicht, wenn sie Aufmerksamkeit, Bildung und Sachverstand immer weniger belohnt, während der einfachste Reiz jederzeit verfügbar ist.

Von meiner Seite ist der Film eine klare Empfehlung. Idiocracy kam 2006 als Satire ins Kino. Wenn wir uns weiter in dieselbe Richtung bewegen, kann man ihn vielleicht schon bald als Dokumentation bezeichnen. Genau das ist der verstörende Witz daran: Der Film könnte am Ende einfach zwanzig Jahre zu früh erschienen sein.
Dann kam die KI
Soziale Medien haben Aufmerksamkeit in kleine Stücke zerlegt. Generative KI bietet nun zusätzlich an, die anstrengenden Teile des Denkens gleich ganz zu übernehmen.
Das merke ich an mir selbst. Sobald ein Text lang wird, zwei Dokumente verglichen werden müssen oder eine Formulierung nicht sofort funktioniert, liegt der Griff zur KI nahe. Sie kann einen ersten Überblick liefern, Unterschiede herausarbeiten oder bei einer Formulierung helfen. Problematisch wird es erst, wenn die Zusammenfassung die Quelle und der Formulierungsvorschlag den eigenen Gedanken ersetzt.
Genau diese Bequemlichkeit macht das Werkzeug so gut. Und genau sie macht es gefährlich.
Eine MIT-Arbeitsgruppe liess 54 Personen Essays unter drei Bedingungen schreiben: nur mit dem eigenen Kopf, mit einer Suchmaschine oder mit einem Sprachmodell. EEG-Messungen zeigten in der Gruppe ohne Hilfsmittel die stärkste und am weitesten verteilte funktionale Vernetzung. Die Suchgruppe lag dazwischen, die LLM-Gruppe zeigte die schwächste Vernetzung. Teilnehmende mit LLM-Unterstützung konnten ausserdem schlechter aus ihrem eigenen Text zitieren und empfanden weniger persönliche Urheberschaft.
Das klingt wie der endgültige Beweis, dass ChatGPT das Gehirn verkümmern lässt. Das ist es nicht. Die Arbeit war zunächst ein Preprint, die Stichprobe war klein und nur 18 Personen absolvierten die vierte Sitzung. Gemessen wurde EEG-Vernetzung während einer bestimmten Schreibaufgabe, keine körperliche Atrophie des Gehirns. Die Ergebnisse sind trotzdem ein ernstes Signal. Wenn das Werkzeug den eigentlichen Denkprozess ersetzt, bleibt weniger eigener Prozess übrig, an den man sich später erinnern kann.
Wenn KI gegen KI prüft
Die Nationale Autonome Universität von Mexiko lieferte 2026 ein fast schon absurdes Beispiel. Erstmals fand ihre Aufnahmeprüfung vollständig online statt. 158'712 Bewerberinnen und Bewerber nahmen teil. Das System nutzte künstliche Intelligenz, Gesichts- und Stimmerkennung sowie menschliche Überwachung, um Unregelmässigkeiten zu erkennen.
Nach ungewöhnlichen Ergebnissen setzte die Universität eine technische Kommission ein. Schliesslich wurden 58'783 Personen zu einer Kontrollprüfung vor Ort aufgeboten. Medien berichteten über den Verdacht, dass Bewerber ausserhalb des Kamerabilds KI und andere Hilfsmittel verwendet hätten.
Auch hier lohnt sich Genauigkeit. Die Zahl 58'783 bedeutet nicht, dass all diese Personen nachweislich mit ChatGPT betrogen haben. Sie bezeichnet die Gruppe, die nochmals vor Ort geprüft wurde. Der Fall zeigt trotzdem das Grundproblem: Eine KI überwacht Menschen, die möglicherweise eine andere KI zur Umgehung der Prüfung verwenden. Die Maschinen prüfen einander, während die Menschen zu Bedienern werden.
Wenn eine Prüfung nur noch misst, wer ein Hilfsmittel unbemerkt einsetzen kann, ist nicht nur die Prüfung kaputt. Dann verliert auch das Lernen davor seinen Sinn.
Wie ich KI für diesen Blog nutze
Ich nutze KI regelmässig für die Recherche und für Korrekturen. Die Rohfassung eines Artikels schreibe ich selbst. Bei der Recherche hilft mir die KI, weitere Spuren zu finden, lange Dokumente zu erschliessen oder mehrere Quellen zu vergleichen. Die entscheidenden Quellen öffne und prüfe ich anschliessend selbst.
Wenn der Entwurf steht, lasse ich falsche Wortstellungen, Wiederholungen, unklare Übergänge und sprachliche Fehler markieren. Manchmal weist mich die KI auch auf eine Lücke hin, die weitere Recherche braucht. So nimmt sie mir vor allem mechanische Arbeit ab und hilft mir, einen selbst geschriebenen Text sauberer und verständlicher zu machen.
Intelligenz wird zur günstigen Massenware
Die oft genannten 20 Dollar sind nur eine Grössenordnung: Bezahlangebote verschiedener Anbieter kosten ungefähr so viel, während brauchbare Modelle von Google, OpenAI, Anthropic oder chinesischen Anbietern teilweise kostenlos verfügbar sind. Entscheidend ist nicht der genaue Preis, sondern dass maschinelle Intelligenz laufend günstiger und zugänglicher wird.
Für wenig Geld lassen sich heute Texte, Analysen, Programmcode und anspruchsvolle mathematische Lösungen erzeugen. Spitzensysteme erreichen bei Mathematik- und Programmierwettbewerben bereits Goldmedaillen-Niveau, auch wenn längst nicht jedes Modell jede Aufgabe zuverlässig löst.
Damit entsteht eine gefährliche Versuchung: Warum noch selbst schreiben, rechnen oder programmieren lernen? Weil nur eigenes Verständnis dabei hilft, falsche Ergebnisse zu erkennen. Je billiger Antworten werden, desto wertvoller werden gute Fragen und Quellenkritik.
Die wirtschaftliche Seite gehört dazu
Es wäre zu bequem, jungen Menschen einfach Faulheit vorzuwerfen. Viele der alten Versprechen funktionieren für sie tatsächlich schlechter.
Die Federal Reserve Bank of New York meldete für das zweite Quartal 2026 bei jungen Hochschulabsolventen eine Arbeitslosenquote von rund 5,6 Prozent und eine Unterbeschäftigungsquote von 42 Prozent. Unterbeschäftigt bedeutet hier, dass jemand mit Hochschulabschluss in einer Tätigkeit arbeitet, für die üblicherweise kein Abschluss nötig ist.
Gleichzeitig zeigt die Vermögensstatistik der US-Notenbank eine gewaltige Generationenlücke. Im ersten Quartal 2026 hielten die Babyboomer rund 51,6 Prozent des US-Haushaltsvermögens. Die sehr breite Fed-Kategorie „Millennials“, in der alle ab 1981 Geborenen und damit auch Gen Z stecken, kam zusammen auf rund 11,3 Prozent.
Das ist keine Entschuldigung dafür, Bruchrechnen, Lesen oder Kommunikation aufzugeben. Es erklärt aber, weshalb sich die klassische Gleichung aus guter Ausbildung, harter Arbeit und sicherem Aufstieg für viele weniger glaubwürdig anfühlt. Wer sieht, dass ein Abschluss hohe Kosten verursacht, Einstiegsstellen verschwinden und Vermögen vor allem bei älteren Generationen liegt, sucht andere Statussignale und andere Abkürzungen.
Genau deshalb halte ich die pauschale Beschimpfung einer Generation für zu billig. Die Umgebung belohnt kurze Aufmerksamkeit, sichtbare Wirkung und sofortige Reaktion. Dann wundern wir uns, dass junge Menschen genau darin gut werden.
Also, ist Gen Z die dümmste Generation?
Wenn „dumm“ bedeutet, biologisch weniger intelligent geboren worden zu sein, gibt es dafür keinen Beweis.
Wenn wir stattdessen fragen, ob zentrale Fähigkeiten wie Lesen, Mathematik, Aufmerksamkeit und selbstständiges Formulieren bei vielen jungen Menschen schlechter trainiert sind, dann zeigen mehrere Messreihen ein ernstes Problem. Gen Z ist nicht die einzige betroffene Generation. Sie ist aber die erste, die ihre gesamte Jugend mit Smartphone, endlosem Feed und anschliessend generativer KI verbracht hat.
Die Antwort kann deshalb nicht lauten, KI zu verbieten und so zu tun, als liesse sich die Zeit zurückdrehen. Ich will diese Werkzeuge selbst nicht mehr missen. Die Antwort muss sein, sie bewusst einzusetzen und bestimmte Fähigkeiten absichtlich nicht auszulagern.
Einen langen Text lesen, ohne nach drei Absätzen zur Zusammenfassung zu springen. Eine erste Rohfassung selbst schreiben. Eine Rechnung versuchen, bevor man die Lösung abfragt. Im Gespräch eine Rückfrage stellen. Eine Quelle öffnen. Einen Fehler aushalten. Einen Gedanken zu Ende bringen.
Das klingt unspektakulär. Vielleicht ist genau das inzwischen der Widerstand.
KI kann uns sehr viel Arbeit abnehmen. Sie darf uns nur nicht den Teil abnehmen, durch den wir überhaupt erst lernen, gute Arbeit zu erkennen.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Joe
Quellen
- Pew Research Center: Wo Millennials enden und Generation Z beginnt
- Jared Cooney Horvath: Schriftliche Aussage vor dem US-Senat
- UC San Diego: Bericht zur Vorbereitung neuer Studierender
- NAEP: Mathematikresultate der zwölften Klasse 2024
- NAEP: Leseresultate der zwölften Klasse 2024
- YouGov: Wie viele Bücher US-Amerikaner 2025 gelesen haben
- CHI 2023 auf arXiv: Kurzvideos, Kontextwechsel und prospektives Gedächtnis
- npj Science of Learning: Kurzvideos, Gedächtnis und neuronale Verarbeitung
- PubMed: Metaanalyse zu problematischer Bildschirmnutzung und kognitiver Leistung
- JMIR: Metaanalyse zu Kurzvideos und psychischer Gesundheit
- Clinical Psychological Science: Geografische Lücken der Social-Media-Forschung
- CNNIC: Chinas Kurzvideo-Nutzung im Jahr 2024
- China Internet Information Office: Landesweiter Jugendmodus für Mobilgeräte und Apps
- MIT Media Lab auf arXiv: Your Brain on ChatGPT
- UNAM: 58'783 Personen für die Kontrollprüfung vor Ort
- Federal Reserve Bank of New York: Arbeitsmarkt für junge Hochschulabsolventen
- Federal Reserve: Vermögensverteilung nach Generation
- Google DeepMind: Mathematik und Programmierung auf Olympiaden-Niveau


